Freitag, 5. August 2011

Hunger nach weniger

Hunger nach weniger - Jessica Antonis

Verlag: Ueberreuter (Juli 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3800056518
ISBN-13: 978-3800056514
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
Originaltitel: Stille strijd

Inhalt:
Anne ist plump und mollig kein Wunder, dass sie keiner mag, denkt sie. Also muss sie abnehmen, erst dann kann auch sie glücklich sein, erst dann wird sie von allen geliebt. Anne kämpft für ihr großes Ziel und das heißt: endlich schlank sein. Essen wird zum wichtigsten Gedanken in ihrem Leben und schließlich zu ihrem schlimmsten Feind Als Annes Eltern sich nicht mehr zu helfen wissen, bringen sie ihre Tochter in eine Klinik. Zuerst verweigert sich Anne der Therapie, doch schließlich sieht sie ein, dass sie ernsthaft krank ist.

Meine Meinung:

Doch bis Anne endlich begreift das sie krank ist hast sie ihren Körper fast systematisch selbst zu Grunde gerichtet.
Dieses Buch zeigt auf erschreckende und unverblümte Weise wie "wenig" es dazu bedarf, dass ein junges Mädchen sich in die Magersucht treibt. Alles fängt ziemlich harmlos an. Anne steht eines Morgens auf und merkt, dass ihr kein Rock mehr richtig passt. Sie fühlt sich fett und unansehnlich. Dieses Gefühl haben viele junge Mädchen und Frauen, ab und zu, aber dann fühlt man sich wieder wohl. Doch bei Anne geht es weiter. Die wird zum Frühstücken gedrängt, bekommt Vorwürfe von ihrer Mutter gemacht, wegen des Essens. Dann sieht sie ihre hübsche, dünne Schwester und wünscht sich, sie wäre genauso. Dann geht es in der Schule weiter, sie sieht ihre beste Freundin, angeblich genau das Gegenteil von Anne, hübsch, schlank, in allem die Beste. So will Anne auch sein und vorallem will Anne gesehen werden - von ihrer Familie - von den Jungs - und sie fasst den Entschluss ab zu nehmen. 
Und jetzt beginnt das Trauma. Anne macht Anfangs eine Null- Diät. Kein Essen. Erst klappt es doch es kommen kleine Fallen und ihre Eltern bemerken das erste mal das etwas nicht stimmt. Also beginnt Anne für die Familie wieder etwas zu essen, aber um das Essen schnell wieder los zu werden besorgt sie sich Abführtabletten. Und jetzt beginnt die Sucht. 
Anne nimmt Tabletten, ist nicht regelmäßig, merkt aber das sie abnimmt und fühlt sich trotzdem immer fetter und fetter. Selbst als sie Nachts wach wird, nach 15 Abführtabletten und sie ihren eignen Stuhl nicht mehr kontrollieren kann, macht sie weiter. 
Ihre Freundinnen werden zu Konkurrentinnen, der Urlaub mit ihrer besten Freundin zu einer Tortur und immer mehr vergisst sie, wer Anne eigentlich ist. Das Einzige was noch zählt, ist ab zu nehmen. Erst 55 Kilo, dann ist das Ziel 47 Kilo, dann ist das Ziel 40 Kilo und dann aufeinmal 35. 
Niemand kann Anne helfen. Sie fängt an zu Lügen und zu stehlen. Als man ihr die Tabletten wegnimmt, steckt sie sich den Finger in den Hals. Ihre Periode hat sie schon ein halbes Jahr nicht mehr gehabt, sie lebt mit Krämpfen und dem ständigen Hungergefühl. Sie hat Wahnvorstellungen, will das ihre Eltern sie hassen, denn dann fällt es ihr leichter weiter ab zu nehmen, will das ihre Freundinnen viel essen, nur damit sie ein gutes Gefühl hat weil sie nicht isst, aber alle anderen noch fetter werden wie sie. Sie entwickelt Zwänge, wie z.B einen Putzzwang. Erst als ihre Eltern sie in die Klinik schicken und Anne kurz vor einem Selbstmord steht, findet sie heraus, was wirklich zählt. 

Als Leser wird man durch ein Jahr voller Schmerz, Leid und Selbstzweifel begleitet. Die Kapitel sind nach Monaten angeordnet, wodurch der Leser einen Blick darauf hat wie lange Anne diese Magersucht durchzieht und wie lange es dauert bis es jemand bemerkt. 
Am Meisten hat mich geschockt wie dreist Anne geworden ist. Sie fängt an zu Lügen, sucht Ausreden um nicht essen zu müssen, kapselt sich fast vollständig von der Außenwelt ab und fängt an ihre eigene Familie zu bestehlen nur um an Tabletten heran zu kommen. Diese Dreistigkeit und die Veränderung die in Anne vorging hat mich extrem schockiert und entsetzt. Selbst das sie sich wünscht ihre Eltern würden sie hassen, das hat mich richtig mitgenommen, denn das würde ich mir niemals wünschen wollen. 
Dazu kommen die Beschreibungen, der Krämpfe und der körperlichen Schwächen die Anne durchmacht. Ich kann mir nicht vorstellen wie man 15 Tabletten Abführmittel schlucken kann und danach immer noch daran denkt dieses Zeug zu schlucken. Anne ist in eine Sucht hineingeraten die alles an ihr beherrscht. Ihr ganzes Denken und Handeln wird nur noch nach der Sucht vom dünn sein bestimmt. Und ich kann nur immer wieder sagen, dass für mich so was komplett unverständlich ist. 

Man muss dazu sagen, dass dieses Buch seine authentische Aussagekraft davon bekommt, dass dieses Buch auf einer wahren Begebenheit beruht. Es ist die wahre Geschichte der Autorin und ich musste mir dies immer wieder ins Gedächtnis rufen, weil ich es nicht begreifen konnte, dass sich jemand so etwas wirklich antut. Das ist für mich völlig unverständlich. Dadurch bekommt das ganze Buch auch eine persönliche Note und eine Tiefe, gerade in der Beschreibung der Gefühle, die ein Außenstehender gar nicht so hätte einfangen können. 

Dieses Buch gibt einen Blick in ein Gehirn einer 16 Jährigen, die alles dafür tun würde dünn zu sein und zeigt auf erschreckende weise, wie viel Selbstzweifel, ein geschwächtes Selbstwertgefühl und machmal gar nicht so gemeinte Anmerkungen und von Seiten der Eltern, Bestimmungen und Vorschriften anrichten können. Denn die Eltern haben hier auch vieles falsch gemacht. Anne wird viel zu oft bevormundet, Entscheidungen werden zu ihren Ungunsten getroffen und auf ihre Meinung wird nicht oder nur wenig eingegangen. Deshalb müssen sich auch die Eltern den Schuh leider zum Teil mit anziehen, denn bei einer Sache konnte Anne immer alles selbst entscheiden und kontrollieren - und das war ihr Hunger, das Essen und die Diät.

Ich mag schon fast gar nicht über Schreibstil und Cover sprechen weil dies bei diesem Buch reinste Nebensache ist. Das Buch ist einfach geschrieben, als Leser ist man immer mitten im Geschehen und fühlt sich als Mitglied des Buches und der Familie. Alle Blickpunkte werden beschrieben. Die Sichten von Anne stehen dabei natürlich im Vordergrund. Das Cover zeigt für mich den Spruch - Nur noch ein Schatten ihrer Selbst - der hier sehr gut passt. Deswegen finde ich die Gestaltung des Covers mehr als gelungen. 

Für dieses Buch werde ich keine Punkte vergeben, weil ich solch eine Geschichte nicht bewerten möchte. Hier geht es nicht um Schreibstil und Co. Hier geht es um Gefühle und um Aufklärung!
Dieses Buch sollte zu einer Standartlektüre für Schulen werden, denn es beschönigt nicht sondern zeigt die harte und erschreckende Wahrheit einer Magersucht. 

Vielen Dank an den Ueberreuter Verlag.

Rezie auch hier zu finden: Link , Link, Link

Kommentare:

  1. Eine ganz schöne Rezension. Das Buch klingt echt interessant. Ich finde du damit recht, dass es als Schullektüre verwendet werden soll.
    Liebe Grüße, Diti

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  2. Danke! Ja man sollte dieses Buch unbedingt als Schullektüre verwenden. Wir hatten auch solche Bücher in der Schule aber leider waren die noch viel sanft und schon zwei mal ein etwas härteres Nein und schon waren diese Mädchen geheilt! Das ist hier nicht der Fall und das finde ich sehr gut.

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